Das zu kurze Zungen- und Lippenband

Wie wirken sich diese Strukturen im Mund Deines Babys auf das Stillen aus?

Zungenband

Eine einschränkende Zungenbeweglichkeit aufgrund eines zu kurzen Zungenbandes, auch unter dem Begriff Ankyloglossie geläufig, wird durch einen embryologischen Gewebeüberrest in der Mittellinie des Körpers zwischen der Unterseite der Zunge und dem Mundboden verursacht.

Der physiologische Prozess das Gewebe um die 12. Schwangerschaftswoche zu resorbieren ist als Apoptose (programmierter Zelltod) und bei Ausbleiben als angeborene anatomische Fehlbildung bekannt. Das Vorkommen ist familiär gehäuft und kommt prozentual mehr beim männlichen Geschlecht vor. Zur Häufigkeit gibt es vielfältige Angaben in der Fachliteratur zwischen 2-25%, Tendenz steigend. Diese erhebliche Variation lässt sich durch die unterschiedlichen diagnostischen Kriterien erklären und die tatsächliche Zahl scheint deutlich höher zu sein, da die meisten Studien nur die direkt augenfälligen Zungenbänder berücksichtigen.

Dieses Gewebeband kann zu kurz, zu dick, zu fest und weit vorne, mittig oder hinten an der Zunge befestigt sein. Ist die Zungenbeweglichkeit durch das zu kurze Band eingeschränkt, ist meist eine Behandlung notwendig. Ein zu kurzes Zungenband führt zu vielen Still- und Folgeproblemen.

Im Idealfall werden orale einschränkende Bänder so früh wie möglich entdeckt und zeitnah von einem fachkundigen Mediziner nach internationalem Standard getrennt (Frenotomie). Dabei werden hintere (posteriore) Zungenbänder weniger häufig als vordere (anteriore) Zungenbänder diagnostiziert. Sie fallen schlichtweg nicht direkt ins Auge, wie die meist sichtbare typische Herzform, die das anteriore Zungenband hinterlässt.

Es herrscht noch viel Unkenntnis über ein relativ neues Verständnis des Stillens und die Zusammenhänge des komplexen Vorgangs. Aus neueren Ultraschalluntersuchungen während des Stillvorgangs weiß man heute, dass die Zunge wichtige Funktionen zu erfüllen hat, um effektiv Stillen zu können. Vakuum spielt eine Hauptrolle bei der Milchentleerung der Brust. Die Brust wird mit dem vorderen Anteil der Zunge festgehalten und folgt dem Unterkiefer in Auf-und Abwärtsbewegungen. Die Lippen helfen dabei, den Mund gegen die Brust abzudichten. Beim physiologischen Melkvorgang wird die Mamille nicht stark manipuliert, wenn man davon absieht, dass sie in die doppelte Länge eingesogen wird.

Die Zunge muss die Fähigkeit besitzen einen löffelförmigen Verschluss um die Mamille zu legen und sie an den hinteren Teil des harten Gaumens zu drücken. Während sich gleichzeitig der mittlere und der hintere Teil der Zunge -um Kompression und wellenförmige Bewegungen in Abwechslung auszuüben- frei heben und senken können muss, um Milch aus der Brust effektiv entnehmen zu können und um den Milchspendereflex auszulösen.

Hinter einem anterioren Zungenband steckt auch immer ein posteriores Zungenband und die eigentlichen Einschränkungen liegen aus vorher erklärten Bewegungsabläufen typischerweise auch am posterioren Anteil. Also an dem Teil der Zunge der eben nicht so eindeutig beurteilbar beim Blick in den Mund ist. Darum kommt es so häufig zu Aussagen, wie „da ist kein Zungenband zu sehen“, obwohl die Stillende spürt, dass da „irgendwas nicht passt“. Leider kommt auch vielmals der Ratschlag abzuwarten, da sich die Bänder verwachsen oder noch ausdehnen würden. Dass dem nicht so ist, konnte in Studien belegt werden, da es sich bei der Gewebestruktur um Typ1-Kollagen Fasern handelt. Diese sind nur zu 3% dehnbar, also bei 1cm Länge nur 3mm (2014, Martinelli).

Um eine reduzierte Zungenfunktion festzustellen, ist eine manuelle Untersuchung sowie eine gründliche Anamnese der Dyade (Stillbeziehung) unabdingbar. Leider gibt es nur wenige StillberaterInnen und ÄrztInnen die eine solche Fähigkeit besitzen, da das Thema im Medizinstudium und in der Ausbildung zur Stillberaterin IBCLC* nur am Rande behandelt wird.

Durch das ineffektive Entleeren der Brust, kommt es häufiger zu einem Rückstau der Milch und nicht selten auch zu einer Mastitis mit Abzess. Deswegen kann es im Verlauf auch zur Herunterregulierung der Milchmenge kommen, wenn die Nachfrage nicht produktiv ist. Das führt zu dem Gefühl, plötzlich zu wenig Muttermilch zu haben, wenngleich der Säugling in manchen Fällen dauerhaft an der Brust zu sein scheint und nicht verhältnismäßig zunimmt. Diese Babys sind oft unzufrieden und lassen sich nur schwer beruhigen. Sie scheinen immer hungrig zu sein. Und auch an der Brust gibt es keine wirkliche Entspannung. Das Stillen wird als stressige Situation beschrieben.

Aufgrund des unphysiologischen Saug- und Schluckaktes kommt es mehrfach zu Verschlucken und zu verstärktem Luftschlucken und daraufhin zu Blähungen, Koliken und luftbedingtem Reflux. Auch das Atemmuster kann betroffen sein und zeigt sich in Apnoen mit nächtlicher Unruhe.

Weitere prägnante Hinweise können Schmerzen beim Stillen, sowie schmerzende, verformte, wunde, gequetschte und blutig-rissige Mamillen (auch über die Anfangszeit hinaus) sein, welche sich durch ein optimiertes Management nicht dauerhaft beheben lassen.

Das Vakuum an der Mamille kann je nach Kompensation und Ausprägung nur minder gehalten werden. Die Mütter berichten in dem Fall von klickenden, schnalzenden oder schmatzenden Geräuschen beim Trinken. Die Babys versuchen nicht selten die Mamille, respektive den Flaschensauger, mit den Lippen kraftvoll einzusaugen, was wiederum die weite Mundöffnung behindert und die Einstülpung der Lippe verursacht. Als „Schwiele“ tritt ein Saugbläschen an den Lippen, hauptsächlich an der Oberlippe, auf. Das Einstülpen als solches kann eine Lippenbandproblematik imitieren, wenngleich das ursächliche Hindernis eigentlich das Zungenband ist. Das mag zum Teil richtig sein, allerdings ist das verkürzte Lippenband oft ein Marker für die Existenz weiterer orofaszialer Hindernisse wie ein kurzes Zungenband.

Lippenband

Ein Milchbelag auf der Zunge, der besonders auf dem mittleren Zungenrücken ausgeprägter ist als im vorderen Anteil, ist in der Regel keine Pilzinfektion. Es kann ein Zeichen sein, dass der Zungenrücken sich nicht optimal zum Gaumen bewegen kann um sich dort zu reinigen.

Wenn in der Vollstillphase keine Probleme auftreten, fallen diese vielleicht erst beim Zahnen auf. Hier wird dann beispielsweise beim Stillen deutlich mehr „gebissen“ und „geklemmt“. Und wieder andere werden erst durch nicht zu behebende Sprachfehler, Mundatmung und Schnarchen oder deutlich häufigere Infekte der oberen Atemwege auffällig, da der Kiefer eng und schmal und kaum Raum für eine freie Atmung und die Zähne bleibt. Der Kiefer kann sich nur ideal entwickeln, wenn die Zunge sich frei zum Gaumen heben und ansaugen kann und ihn ausformt.

Dies sind nur ein einige Auswirkungen auf die Gesundheit und Entwicklung. Das zu kurze Zungenband kann unbehandelt vielfältige Symptome hervorbringen. Durch eine Zungenfehlfunktion ordnen sich viele Muskeln des Körpers unter und dieser kompensiert. Somit kann eine Einschränkung im orofaszialen Bereich Auswirkungen auf den gesamten Körper haben und ist ganzheitlich zu betrachten und zu behandeln.

Deshalb ist neben der manuellen Untersuchung des Mundbereichs mit Erfassen der Zungenfunktion durch die Screenings eine gründliche Anamnese der Stillbeziehung und eine Zusammenarbeit im Team unentbehrlich. Die Vorbereitung und auch Nachbehandlung findet interdisziplinär mit fachgeschulten KollegInnen aus den Berufszweigen der Osteopathie sowie der Logopädie statt. Die Trennung des Zungenbandes sollte einem Arzt, der nach neuestem internationalen Wissen den minimal invasiven Eingriff ohne Vollnarkose vornimmt und Teil eines Netzwerks ist überlassen werden.

Aufgrund der eigenen Betroffenheit meiner beiden Söhne, kann ich Dir mein allumfassendes und aktuelles Fachwissen zur Abklärung und ein lokales Netzwerk versierter Fachpersonen aus verschiedenen Bereichen anbieten.